Menu Icon Art    Design     Love  … moremenue
 
Artplace.de

12.2017

 

Blog

Thomas Bauer · Bleib‘ mir vom Leib

Vom 02. Mai bis zum 12. Juni 2015 zeigte Thomas Bauer seine Ausstellung ‚Bleib‘ mir vom Leib‘ im Kunstverein Bochumer Kulturrat. Er begleitete seine Werkgruppen ‚Um Kopf und Kragen‘, ‚Minus12Grad‘, ‚unverträglich‘ und ‚Zeichen und Wunder‘ mit raumgreifenden Installationen.

 

Thomas Bauer Kunst Thomas Bauer Kunst Thomas Bauer Kunst Thomas Bauer Kunst Thomas Bauer Kunst Thomas Bauer Kunst

Die Rede von Carsten Roth zur Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Bochumer Kulturrat

»Zum Raum wird hier das Bild« – oder umgekehrt

Zunächst einige Worte zum Ausstellungstitel. Thomas Bauer hat die umgangssprachliche Redewendung ‚Bleib mir vom Leib‘ gewählt. Wird sie benutzt, dann meint man ‚Komm mir nicht zu nah!‘, ‚Belästige mich nicht!‘, will also Distanz wahren, jemand auf Abstand halten oder mit etwas nichts zu tun haben. Kulturgeschichtlich betrachtet, geht dieser Wunsch auf die Bibel zurück. Im Johannesevangelium will Maria Magdalena den Leichnam Jesu salben, doch dessen Grab ist leer. Sie begegnet dem Auferstandenen, hält ihn jedoch für einen Gärtner. Erst als er sie beim Namen nennt, erkennt sie ihn. Ihrem Versuch, ihn zu umarmen und zu küssen, entgegnet er ‚Noli me tangere‘ – ‚Berühre mich nicht‘ oder ‚Rühre mich nicht an‘ – und begründet sein Diktum mit dem Umstand, er sei noch nicht zum Vater aufgefahren. Die Episode wurde ein Hauptmotiv der christlichen Kunst und seit dem Mittelalter immer wieder dargestellt. Dem Betrachter wird der Inhalt der intimen Szene vor allem durch eine ‚Pathosformel‘ vermittelt. Der von dem Kulturhistoriker Aby Warburg geprägte kunstgeschichtliche Terminus bezeichnet die Darstellung formelhafter Gestik und Mimik von Gefühlsausdrücken im Sinne einer jeweils universalen Gültigkeit. Beim ‚Noli me tangere‘ ist diese Pathosformel die durch einen lehrenden oder aber einen abwehrenden Handgestus vermittelte Gebärde der Zurückweisung.

Auch wenn Thomas Bauer mit seinem Gemälde ‚Personal Jesus‘ (2013) aus der Reihe ‚minus12Grad‘ tatsächlich einen Christus gemalt hat, ein im 21. Jahrhundert nur noch selten reloadetes Bildthema: Sein in der Ausstellung befindlicher Gekreuzigter ist doch eher eine nicht mehr ganz intakte Sakralskulptur mit fehlenden Armen, kombiniert mit einer gelben Zementverpackung und rotem Klebeband, ‚damit‘, so Thomas Bauers Erklärung, ’noch was anderes mit drauf ist‘. Und das ikonographisch tradierte Bildthema ‚Noli me tangere‘ oder überhaupt religiöse Konnotationen hat Thomas Bauer mit seinem ‚Bleib mir vom Leib‘ nicht im Sinn. Im Februar 2015 schrieb er mir:

»[Hier] schon mal mein Ausstellungstitel: ‚Bleib mir vom Leib‘. In der Ausstellung kommen verschiedene Reihen unter … das Wort Leib steht für die figurativen Anfänge, von denen ich mich jetzt immer mehr entferne … das ist die einfachste Titeldeutung … dem Titel werde ich aber auch noch andere Aspekte abgewinnen.«

Hintersinnig, doppeldeutig, humorvoll und schräg, wie Thomas Bauer denkt, könnte sich dies etwa auf das ‚Bitte nicht anfassen!‘ der Museumswärter beziehen. Gemeint ist bei ihm also nicht der ‚Leib Christi‘ als Zentralgedanke des neuen Testaments, sondern die Bezeichnung des Leibes als der lebendige Körper von Menschen und Tieren; man könnte dies auch noch um Pflanzen ergänzen. Warum heißt es dann nicht Körper, sondern Leib? Weil der Körperbegriff nicht ausreicht, nur die Materie, nicht aber den Geist meint. So wie auch jedes Kunstwerk mehr ist als nur Materie. Der Körper kann objektiv erfasst, beschrieben, untersucht und sogar durchleuchtet werden; der Leib hingegen ist mit keinerlei Objektivierungsverfahren zu ermessen. Nach theologischer Definition stellt das Leibliche die metaphysische Steigerungsform des biologischen Körperbegriffes dar, also eine je einzigartige Verbindung aus Person und immaterieller Seele. In der Philosophie beziehen sich Leiblichkeitskonzepte auf den reflexiven Zusammenhang von Körper und Bewusstsein, also eine Selbstreferenz des Körpers auf den Körper oder um es auf einen einfacheren Begriff zu bringen: das Körpergefühl.

Und damit lässt sich eine weitere Brücke zum Bildenden Künstler schlagen, sofern er gegenständlich arbeitet, was auf Thomas Bauer derzeit noch überwiegend zutrifft. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und Leibes kann ein Thema der Bildenden Kunst sein, zum Beispiel in jedem Selbstbildnis; zumeist ist es aber die Wahrnehmung und Darstellung anderer Körper oder Leiber, wie sie bei Thomas Bauer in Form von Menschen, Tieren oder Pflanzen gegeben sind.

Sein Spektrum ist technisch und stilistisch weit. Er malt, zeichnet, fertigt Objektbilder und Objekte, arbeitet installativ. ‚Bleib mir vom Leib‘ müsste man eigentlich als Gemäldeausstellung bezeichnen, doch ist durch Thomas Bauers Empfinden für Räume viel mehr daraus geworden: eine Art überbordendes Gesamtkunstwerk. Von daher habe ich zur Charakterisierung dieser Ausstellung als Titel meiner Einführung ein berühmtes Zitat aus der Oper ‚Parsifal‘ adaptiert, in der sich an einer zentralen Stelle bei stagnierender Eigenbewegung die Umgebung rapide verwandelt. Daher heißt es bei Richard Wagner: Parsifal: »Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit.« – Gurnemanz: »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«. Meine Eröffnungsrede trägt daher den Titel: ‚…zum Raum wird hier das Bild‘ – oder umgekehrt.

Wenn Thomas Bauer Gemälde anliefert, dann werden auch viele scheinbare ‚Nebendinge‘ hereingetragen: Beutel mit Luftballons und Konfetti, Luftpolsterfolien und Klebebänder, Textilien und Metallschienen, Stapel alter Zeitungen und Sprühfarbendosen. Fragen nach den konkreten Verwendungszwecken bleiben unergiebig, denn diese liegen zunächst in noch nicht genau definierten Bereichen. Das endgültige Erscheinungsbild der Ausstellung entsteht erst während des Aufbaus und zwar überwiegend ungeplant, intuitiv, experimentierend, mit häufigen Pausen des Betrachtens auf einem ‚Nachdenkstuhl‘. Auch wenn der Terminus ‚Homo faber‘ für den arbeitenden, handwerklich tätigen Menschen die Künstler im Allgemeinen immer mit einschließt, so findet man in Thomas Bauer im Besonderen eine janusköpfige Gestalt vor, auf die der Kontrastbegriff „Homo ludens“, der „spielende Mensch“, ebenso, wenn nicht sogar überwiegend zutrifft. Gemeint ist damit der Mensch, der seine Fähigkeiten vor allem über das Spiel entwickelt respektive das Spiel als elementare Form der Sinn-Findung benötigt.

Kern unserer Ausstellung sind vier unterschiedliche Gemäldereihen, die auf vier Räume verteilt sind. Um die Arbeitsweise von Thomas Bauer und das daraus resultierende Ausstellungskonzept zu verstehen, lässt man ihn am besten selbst zu Wort kommen:

»Die Ausstellung vereint das malerische Spektrum von 2010 bis 2015: figurative Werke, konzeptionelle Arbeiten und Abstraktionen. Die voneinander unabhängigen Werkreihen basieren jeweils auf einer Experimentierphase im Atelier. Hierbei werden zufällig und ungeplant unterschiedliche Materialien kombiniert und miteinander getestet – bis sich irgendwann eine reduzierte Versuchsanordnung ergibt, die zu einer neuen Reihe führt. Somit steht am Anfang immer der Zufall und am Ende eine versuchsanordnungsbedingte Formsprache, die weder mit den vorherigen noch den nachfolgenden Werkgruppen vereinbar sein muss. Dadurch wird die Festlegung auf eine Gestaltungsform verhindert und systematisch verweigert. Gerade durch die verschiedenartigen Darstellungsformen entzieht sich die heterogene Zusammenstellung der Ausstellung ‚Bleib mir vom Leib‘ der eindeutigen Kategorisierung. Die verwinkelten Kellerräume des Kunstvereins spiegeln den Grundgedanken der Heterogenität; sie bieten die ideale Bühne, um die unterschiedlichen Werkreihen separiert vorzustellen.«

Zum besseren Verständnis bietet es sich an, die vier Serien mit einigen Worten zu umreißen.

Um Kopf und Kragen, 2012
Die älteste der Gemäldereihen – ausgestellt im Flur zum Bühneneingang – wurde 2012 vollendet und trägt den Titel ‚Um Kopf und Kragen‘. Bei dieser Serie handelt es sich um ein modulares System aus achtzehn gleich hohen, teils unterschiedlich breiten Leinwänden. Diese Bilder sind in vielfältiger Weise miteinander kombinierbar. Dazu mussten sie kompositorisch so angelegt werden, dass motivisch, formal oder koloristisch ein Anschluss zu anderen Werken der Reihe gegeben ist. Mit den Modulen lässt sich additiv ein bis zu elf Meter breiter zusammenhängender Bildstreifen erzeugen, der sich durch Austausch zu über 100 Variationen mit differierenden Inhalten verändern lässt. Je nach Wandbreite sind aber auch schmalere Kombinationen mit nur vier, drei oder zwei Elementen möglich. In seiner 2013 als Buch publizierten Diplomarbeit mit dem Titel „Malerei im Kompatibilitätsmodus“ hat Thomas Bauer die konkreten Auswirkungen seines Experiments auf formale, koloristische und inhaltliche Aspekte der Bildsprache analysiert, die Erzählstrukturen der zusammensetzbaren Bildinhalte beschrieben und die Dramaturgie und narrative Logik seines flexiblen Systems hinterfragt.

minus12Grad, 2013
Arbeiten aus der 2013 entstandenen düsteren Reihe ‚minus12Grad‘ füllen den großen Kellerraum. Einige weitere Bilder dieser Serie hängen im Treppenhaus und im Kellerflur, darunter der schon erwähnte ‚Personal Jesus‘. Es sind atmosphärsche Szenarien, die überwiegend nur jeweils eine realistisch gemalte Figur zeigen. Der Titel ‚minus12Grad‘ markiert eine Temperatur. Diese lässt sich assoziativ nachvollziehen, denn nicht nur das Christusbild zeigt eine gequälte Kreatur, auch alle anderen Figuren leben nicht im ‚Land des Lächelns‘, sind extrem unfroh, zeigen gepeinigte Mienen oder zum Schrei verzerrte Fratzen. Es ist eine deprimierende Mischung aus Gewalt, Vereinsamung, Monotonie, Ermüdung und Verfall; nicht einmal ein Gartenzwerg und ein Wohnwagen atmen etwas von den Fluchtmöglichkeiten in die Idylle. Lexikalische Erklärbarkeit und eindeutige Interpretierbarkeit der Bilder hat Thomas Bauer nicht angestrebt; sie sind – wie viele seiner Arbeiten – assoziationsoffen und werden zur Reflexion angeboten. All diese vom Leben Gezeichneten kombiniert er mit einer wie kontaminiert erscheinenden Umwelt, deren chaotischer Eindruck durch einen vielfältigen Mix von übereinander gelagerten malerischen und grafischen, abstrakten und informellen Schichten, graffitihaft aufgesprühten Lacklineaturen, gekratzten Farbflächen, Übermalungen und profanen Materialapplikationen evoziert wird. Thomas Bauer integriert alte Tageszeitungen, Plastikfolien mit Typografie, benutzte Luftpolsterfolien, farbige Isolierbänder, Gaffatapes, Fragmente von Kartonverpackungen und Papierfetzen. Auch die farbigen Klebebänder sind Teil eines kompositorisch durchdachten Gesamtkonzepts, indem sie wie ein Leitliniensystem funktionieren und gegenläufige Richtungen über den Bildrand hinaus akzentuieren. Diesen Aspekt verstärkt Thomas Bauer in der Ausstellung ‚Bleib mir vom Leib‘ noch, denn er steigert seine Hängung durch Ausdehnung der Bildflächen zu einem plastischen 360 Grad-Raumerlebnis, indem er die Wandflächen zwischen den Bildern und um sie herum spontan mit Zeitungen und Folien beklebt, diese ebenfalls besprayt oder anderweitig bearbeitet, Papier als plastische Werte in die Ecken knüllt und divergente Richtungswerte mit Tesakrepp markiert.

unverträglich, 2014
Einen ganz anderen Eindruck vermittelt die 2014 entstandene Reihe ‚unverträglich‘ im mittelgroßen Kellerraum. Im Gegensatz zur düsteren Serie ‚minus12Grad‘ wirkt sie aufgrund des alle Gemälde vereinenden weißen Bildgrundes außerordentlich hell und freundlich. Auf scheinbar immateriellen Flächen ereignen sich expressive Begegnungen roter, türkiser und schwarzer Linien, die Körperfragmente umreißen. Thomas Bauer beschreibt diese Serie und ihren Titel folgendermaßen:

»Konkurrierende Linienschichtungen werden zu Bewegungsabläufen, menschliche Körperformen werden filetiert und in Flächen aufgelöst. Die malerischen Mittel reduzieren sich hierbei gezielt auf das Zusammenspiel von zwei Farben, Kohle und dem durchscheinenden Weiß der Leinwand. Der dadurch entstehende hohe grafische Abstraktionsgrad lässt dem Betrachter immer wieder neue Möglichkeiten, die dargestellten Szenarien zu interpretieren. Die Expressivität der Arbeiten entsteht durch einen schnellen Malprozess, der die angedeuteten Körper organisch unperfekt dem klinischen Weiß der Leinwand entgegensetzt. Die figurativen Elemente bleiben sperrig – sie entziehen sich anatomischer Genauigkeiten und einer inhaltlichen Lesbarkeit. Sie bleiben unverträglich.«

Dem luziden Eindruck dieser inhaltlich, formal und koloristisch sehr geschlossenen Reihe gibt Thomas Bauer im Rahmen der Ausstellung ‚Bleib mir vom Leib‘ durch eine installative Rauminszenierung eine ganz andere Richtung, die sowohl dem Serientitel ‚unverträglich‘ als auch dem Ausstellungstitel ‚Bleib mir vom Leib‘ neue Facetten abgewinnt. Er hat nämlich in der Mitte des Raumes den Torso einer nackten Kinderpuppe auf einem Müllbeutelständer platziert. Irgendwo auf dem Boden liegt ein abgetrennter Arm der Puppe. Ihr ist man offenbar nicht vom Leib geblieben. In Verbindung mit dem grellen Neonlicht strahlt der Raum, in dem die Gemälde an den Wänden wie anatomische Schautafeln oder Röntgenbilder anmuten, etwas Steriles aus, das an Operationssaal, Abtreibungsklinik, Organhandel oder Dr. Frankensteins Laboratorium denken lässt.

Zeichen und Wunder, 2015
Thomas Bauers aktuelle Bildreihe heißt ‚Zeichen und Wunder‘ und ist in Auswahl im großen Galerieraum im Erdgeschoss zu sehen. Der Titel basiert auf dem Umstand, dass zwar gegenständliche Motive wie ein Verkehrsschild, ein Blumentopf, ein menschliches Gebiss, ein Schwein mit fleischerhandwerklicher Verwertungseinteilung oder das von Wilhelm Buschs Max und Moritz heimtückisch zu Tode verstrickte Federvieh der Witwe Bolte dargestellt sind, jedoch – mit Ausnahme einer weiteren Topfpflanze – nicht plastisch-räumlich, sondern in der zeichenhaften Form schematischer Umrisszeichnungen, wie sie etwa in Lehrbüchern vorkommen. Kombiniert sind diese Zeichen mit informeller Farbmaterie, geometrischen Zickzacklinien und Rasterstrukturen, die Vorläufer im Konstruktivismus und der Op-Art haben.

In dieser Serie geht es Thomas Bauer, der laut eigener Aussage eine ‚Abneigung gegen das allzu Ordentliche‘ hegt, um Ordnung und Unordnung respektive Ordnung und Chaos. So wird etwa die geometrische Ordnung eines gemalten QR-Codes durch einige chaotische rote Pinselstriche beziehungsweise Zahlen ‚gestört‘. Die Sujets sind bei dieser Reihe eigentlich unwichtig. Der Figur kommt nicht mehr Bedeutung zu als den ungegenständlichen Komponenten der Bilder, denn Thomas Bauer geht es um das Spannungsverhältnis von beiden. Er hat diese Bilder zum Bestandteil einer großen Rauminstallation gemacht, bei der die Gemälde mit ähnlich gemusterten Stoffen zu einer bühnenbildartigen Situation verschmelzen. Auch Fundstücke im Sinne der Arte Povera-Objekte sind darin eingegangen: ein Notausgangs- und ein Feuerlöscherhinweisschild, ein kleiner Kelim und ein künstlicher Ficus, Klebebänder, eine Prise weißes Konfetti und der in der Werkstatt des Bochumer Kulturrats vorgefundene alte Stuhl, der zur rastend erwägenden Konzeption der einzelnen Räume für den Künstler unabdingbar war.

Die Ästhetik der irritierend verschwimmenden Grenzen von Gemälden und Textilien erinnert nicht zuletzt an die Camouflage von Schiffen im Ersten Weltkrieg. Um die britische Handelsflotte vor Torpedoangriffen deutscher U-Boote zu schützen, kam der Maler Norman Wilkinson (1878–1971) auf den Gedanken, die Schiffe möglichst unsichtbar zu machen und den Feind zu verwirren, indem durch Bemalung mit bunten wilden Strukturen oder geometrischen Mustern, darunter vielfältige Zebrastreifenlineaturen, ihre Umrisse verunklärt und ihre Formen im Sinn einer Augentäuschung gebrochen werden. Die britische Admiralität griff die Ideen des Künstlers auf, setzte ihn als Leiter einer Camouflage-Sondereinheit ein, die in Kellerateliers der Royal Academy of Arts eingerichtet wurde, und erließ 1917 die Verordnung, sämtliche Handelsschiffe sowie besonders gefährdete Kriegsschiffe in dieser Weise bemalen. Bis zum Kriegsende wurde rund 4400 Schiffen der britischen Marine ein solcher Tarnanstrich verpasst. Und so ging Wilkinson als Erfinder der ‚Dazzle Camouflage‘, des ‚Dazzle Painting‘ oder des ‚Razzle Dazzle‘ in die Kunstgeschichte ein (to razz: hänseln, necken, spotten; to dazzle: blenden, verwirren; razzle-dazzle: Kuddelmuddel). Ein sonderlicher Vorteil der künstlerischen Bemühungen ließ sich letztlich übrigens statistisch nicht nachweisen, allerdings auch kein Nachteil.

Thomas Bauer hat für den Kunstverein Bochumer Kulturrat mit großer künstlerischer Phantasie und unversiegender Experimentierfreude eine facettenreiche, immer wieder aufs Neue überraschende und erfrischend anregende Ausstellung im Sinne eines Gesamtkunstwerks kreiert. Zu seinen unkonventionellen Ideen zählt auch die gerahmte Serie „Backstage“ (2014) im Erdgeschoss-Kabinett, bei der nicht die eigentlichen Vorderseiten der Bilder, sondern die zufällig entstandenen Rückseiten mit ihren Durchtränkungen, Farbabstreichungen und sonstigen Flecken zu sehen sind. Und wenn ein Künstler rote Bubbles malt und unter dieses Gemälde viele rote Luftballons auf den Boden legt, dann ist das wohl einer kindlichen Fabulierfreude erwachsende pure visuelle Poesie. Auch schließen sich bei ihm improvisierter Nonsens und sinnliche Qualität nicht aus. Ein Ausstellungsaufbau mit Thomas Bauer ist jedenfalls aufgrund seines verschmitzten Humors und seiner Schlagfertigkeit sehr lustig. Man erfährt dabei viel Verblüffendes. Bei der Frage, ob man es mit einem Objet trouvé, einem Ready-Made, einer Assemblage oder einem Environment zu tun hat, muss man mit der Antwort rechnen. ‚Nö, das is Schrott aussem Baumarkt.‘ In diesem Sinne: auch den Besuchern der Show viel Spaß!

nudge

Hi there,
I am . I would like to stay in touch. My email is . Please send me notifications about upcoming events.