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Dämonen mit Goldrand

Michael Buthe, der vor vierundfünfzig Jahren in Sonthofen geboren wurde, in Höxter in Westfalen aufwuchs, in Köln den größten Teil seines Werkes schuf, als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte, ist im November'94 in einer Bonner Klinik gestorben. Ein Künstler, der die Liebe gemalt hat, die Liebe in all ihren Lichtjahren und Schattierungen, in Schwarz und in Gold, Liebe als Gedicht, Gebet, Dialog, Reflexion - als Schönheit.

Zartheit der Farben
Er war heimisch in den Kulturen christlicher und islamischer Prägung. In seinen Bildern führte er sie zusammen durch die Zartheit der Farben, durch die Poesie des Materials, durch die Berauschtheit des Auges. Er malte, zeichnete, modellierte wie ein tanzender Derwisch, mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit, der Intelligenz des Anatomen, mit der Sicherheit des Erfinders, mit dem Instinkt des Verliebten.
Wenn Michael Buthe einer weißen Fläche ein Gesicht aufsetzte, dann erweckte er Geister und Dämonen, Engel und Götter, Tiere und Menschen, Gnome und Riesen aus ihrem Tiefschlaf. Er mischte die Welt auf, entfachte durch Farbtupfer wahre Feuersbrünste, badete seine Malflächen in schäumenden Farbströmen, besänftigte die Gewalten der Farbmaterie durch seinen glasklaren Sinn für das Maß der Form, für das Maß der Schönheit. Alle seine Bilder sind Gratwanderungen, in derselben Gefährdung von Überzeichnung wie die Dichtung des Iraners Hafis, in Buthes Gedächtnis abrufbar wie die Suren des Koran oder wie Passagen aus der Offenbarung des Heiligen Johannes. Malerei und Poesie, Sufi-Poesie, Buthe wußte, daß sie aus den gleichen Wurzeln entspringen, aus dem unerschöpflichen Steinbruch Phantasie.

Kunst als Befreiung
»Ihre Düfte haben die Violen von dem Moschus deines Haars gestohlen. Die Zypresse geht, von deinem Gange Anmut der Bewegungen zu holen,« dichtet Hafis Zeilen, die jenen Sog für Emotionen, Assoziationen, Vorstellungen, Erfahrungen, Beobachtungen erzeugen wie Buthes Bilder. Diesen Sog brauchte der Künstler für sein eigenes Seelenheil, für sein Wohlbefinden, für die Vergegenwärtigung seiner Existenz. Er empfand Malen nicht als Fron, sondern als Befreiung, als Ekstase, Versenkung, Askese, Vollrausch, als passives Empfangen und aktivierte Lust, all das nicht als egomaizierte, sondern zum Beschenken des anderen. Das macht uns sein Leben, seine Person, seine Bilder so wertvoll.
Michael Buthe liebte es, für sich phantastische Existenzen zu fingieren, die er in seine Bilder projizierte. Am vertrautesten war er mit der Rolle eines Orientalen. Wahrscheinlich war seine Vermutung richtig, im früheren Leben als Wüstennomade die Erde erkundet zu haben, ausgestattet mit einer jungfräulichen Idee von Gott und Welt, die künstlerischer Kreativität wohl am nächsten kommt. T. E. Lawrence beschreibt diesen Menschen so: »Der Beduine der Wüste hat alle materiellen Bedingungen, Annehmlichkeiten, Verfeinerungen, Luxus und sonstigen Ballast des Lebens hinter sich gelassen, um dafür eine persönliche Freiheit zu gewinnen. Sein Leben bietet ihm Luft und Wind, Sonne und Licht, freien Raum für eine große Leere. Diese Natur blieb unberührt von Menschenwerk und Gabenfülle: nur den Himmel droben und drunten die jungfräuliche Erde.« Ein großer Künstler, ein wunderbarer Mensch, ein nicht zu ersetzender Freund hat uns zusammen mit ihm in und mit seiner Kunst »den Himmel droben und drunten die jungfräuliche Erde« erkunden lassen. Der »jungfräulichen Erde« ist er jetzt noch näher gekommen. Wir dürfen annehmen, daß ihn seine überschwengliche Phantasie auch dort nicht im Stich läßt und er genug beschäftigt ist.

Werner Krüger

 

Wagenburg und Luftschloß

Es hieße, Eulen nach Athen tragen, die Person und das Werk Michael Buthes in diesem Heft und dessen Lesern vorzustellen. Nach über dreißig Jahren Arbeit am Bild und etwa zweihundert kleinen, mittleren und größeren Ausstellungen, zahlreichen Katalogen, Broschüren, Besprechungen und Abhandlungen hat der Künstler ein hohes Maß an Bekanntheit erreicht, so daß jeder weitere Vermittlungsansatz eklektisch anmutet. Kommt meine Bewunderung und mein Respekt hinzu, die unsere Freundschaft fundieren, die aber andererseits die Urteilskraft durch Befangenheit einschränken. Es soll deshalb genügen, ein paar Verweise anzuführen, Verweise auf Positionen, die Buthe im Auge, im Gedächtnis, im Unterbewußtsein speichert Verweise auf Orientierungen in Gedichten, Mythen, Landschaften, Städten, die der Stoffsind, aus denen Bilder entstehen, Bilder, eingetaucht in Erfahrung und Erfindung, in Traum und Leidenschaft, in Materie und Ideen. Buthe ruft seine Bilder ab von einer phantastischen Datenbank.

Buthe nimmt Welt auf und verschmilzt sie mit Fiktion, ersinnt Fiktionen und überliefert sie der Welt. Ein Gang über den Jama al-Fana in Marrakesch endet für ihn mit dem Ergebnis, daß er heimkehrt mit einem Füllhorn der wundervollsten Fundstücke: Fäden, Knöpfe, Hölzer, Seilstücke, Steine, Bleche, Tonscherben, Schemel, Stöcke, Leuchter. Ein Besuch auf dem Flohmarkt in Tanger endet mit dem Einkauf von Kelims, Keramiken, Gläsern, Staubwedeln, Besen, Beistellmöbeln, Tüchern, Schuhzeug und Kleidern. Eine Fahrt über einen unwegsamen Piratenpfad auf Mallorca wird
zum Beutezug nach Zivilisationsresten wie platt gewalzten Konservenbüchsen, Schuhsohlen, Autoreifen, Kochgeschirr, Nägeln, Metallfedern, Knochen, verrosteten Türbeschlägen. Baumstämme oder Geräte, an denen Vergänglichkeit und Zeitspuren sichtbar sind, verfrachtet er in Container aus den Wüsten Afrikas und von entlegenen Inseln des Mittelmeeres in sein heimisches Atelier.

Er läßt sich anregen von den verstorbenen Meistern, die die leuchtenden Mosaiken von El Karaouin, Al Ashar, Qarawijin, Zaouia gestalteten. Er genießt den tranceartigen Zustand, in den ihn Kuppeln, Minarette, Friedhöfe, Gerbereien, Färbereien, Gewänder, Schmuck, Musikinstrumente, Feste, Folklore, geheimnisumwitterte Riten, Mythen und Zeremonien, Minzetee und Couscousgelage aus der stereotypen Realität des genormten Daseins entführen. Das ist der physisch angeeignete Stoff für Bilder. Und dann braucht es noch Brust und Haupt, damit was zum Nachdenken daraus entsteht. Buthe will die Apotheose an die Schönheit, in Rhythmen, Klängen, Farben, Sinnbildern komponieren, mit Strenge und Freiheit, inspiriert und enthusiasmiert von den Texten und Versen eines Fariduddin Attar, Ibn El- Arabi, Al Ghasali, Omar Khayyam, eines Hafis oder eines Saadi, eines Jalaluddin Rumi.

»Nichts gibt es, dessen Schatzkammern nicht bei Uns sind«, heißt es in einer Sure, die Rumi in seiner Schrift »Von Allem und von Einem« mit noch mehr Inhalt anreichert: »Was immer ihr in dieser Welt seht, ist ebenso in der anderen Welt; vielmehr, all dieses ist ein Muster jener Welt. Was immer in dieser Welt besteht, ist aus jener Welt gebracht worden.« Annäherung an Kunst auf dem Wege einer Umschreibung. Wir kennen sie in der Version: »Schönheit ist der Glanz der Wahrheit«. Dem Suchenden ist Erfolg gewiß, nach Ansicht Al Ghasalis, wenn er sich durch sieben Täler durchkämpft, durch das Tal des Erkennens, der Umkehr, der Hindemisse, der Schrecken, des Blitzes, der Abgründe, der Lobpreisung. Symbole, Allegorien, Bilder, um das sichtbar zu machen, was Sprache nicht übersetzen kann oder bestenfalls um- oder neuverschlüsselt weitertransportiert. Letztlich haben Bilder nur im Glanz der Augen Bestand. Und vielleicht sind Bilder auch Flucht, Kapitulation, Resignation. Denken wir an Paveses Behauptung: »Die maßlose Leidenschaft für die natürliche Magie, für das Wilde, für die dämonische Wahrheit von Bäumen, Wassem, Felsen und Landstrichen ist ein Zeichen von Furchtsamkeit, von Flucht vor den Pflichten und Verpflichtungen der Welt der Menschen.«

Buthe kompensiert die Schwäche des Künstlers durch Metamorphosen. Seine Hommage an Ramon Llull, den großen Kosmopoliten des Mittelalters, ist eine Ode aus Steine-Bildem, deren subjektive Deutung wir einer Reflektion Paveses entlehnen: »Da der mythische Anspruch, die Wirklichkeit der Dinge zu empfinden, fest bleibt, braucht es Mut, mit denselben Augen die Menschen und ihre Leidenschaften zu betrachten. Aber es ist schwierig, es ist unbequem - die Menschen haben nicht die Festigkeit der Natur, ihre weite Deutbarkeit, ihr Schweigen. Die Menschen kommen uns entgegen, wobei sie sich aufdrängen, sich bewegen, sich ausdrücken. Du hast auf mannigfaltige Arten versucht, sie zu Stein zu machen - indem du sie in ihren natürlichsten Momenten isoliertest, sie in die Natur eintauchtest, sie auf Schicksal beschränktest. Und doch reden und reden deine Menschen - in ihnen kämpft der Geist, taucht an die Oberfläche. Dies ist deine Spannung. Aber du erträgst diesen Geist, du möchtest ihn nie von dir aus finden. Du strebst nach der natürlichen Unbeweglichkeit, nach dem Schweigen, dem Tode. Aus ihnen hochwertige Mythen machen, ewige, unberührbare, die doch einen Zauber auf die historische Wirklichkeit werfen und ihr einen Sinn geben könnten, einen Wert.«

Wenn es denn tatsächlich einen Sinn hat zu malen, dann besteht er sicherlich in derVerzauberung sowohl der handgreiflichen wie der gestalteten Wirklichkeit. Die Natur trägt ihren Wert in sich selbst. Buthe greift nach der Natur wie nach den Dingen, verinnerlicht beides und entwirft Landschaften von der Einheit des Lichts. Diese Landschaften erschließen sich letztlich über das Licht, das Inhalt und Form ist, das sichtbar macht und verbirgt, das wie eine Dolde den rätselhaften Nukleus des Bildes umstrahlt. Wer so verschwenderisch mit dem Licht hantiert, hat ein großzügiges Naturell, eine geradezu mitreißende Wesensart, die Begeisterung für Bilder weckt. Buthes Sinne vergraben sich nicht in die Nacht, sondern fühlen sich auf der Umlaufbahn der Sonne heimisch. Deshalb verbreiten die Bilder soviel Kraft, Zuversicht, Heiterkeit, Freude, Gelassenheit und Leichtigkeit. Buthe ist einer von den wenigen europäischen Künstlern, die sich sowohl auf die christliche wie auf die islamische Kultur einlassen und aus beiden Quellen unbekümmert schöpfen. Vom Christentum übernimmt Buthe die tragischen Brechungen von Welterfahrung, vom Islam die Lust am freien Spiel der Sinne. Wagenburg und Luftschloß finden in seiner Malerei ihren symbiotischen Zusammenschluß.

Buthe überzeugt uns vom unwiderstehlichen Charme des Ornaments, sowie es das islamische Bildverständnis bestimmt und die Lichtästhetik der Sufis grundiert. Ganz essentiel integriert er die spezifische persische Variante ismalischer Malerei in seine Bilder. Louis Massignon: »Die Kunst der persischen Miniatur, ohne Atmosphäre, ohne Perspektive, ohne Schatten, ohne Modellierung, im Glanze der Polychromie, die ihr besonders eigen ist, zeugt von der Tatsache, daß ihre Initiatoren eine Art alchemistischer Sublimation der göttlichen Lichtfünklein vomahmen, die in der ,Masse' des Gemäldes gefangen waren. Edelmetalle, Gold und Silber kommen auf die Oberfläche der Fransen und der Farben, der Opfergaben und der Gläser, der Matrix der Farben ,entweichend'.« Mit Leichtigkeit läßt sich an den Abbildungen in diesem Heft überprüfen, daß Masignons Zeilen den Geist von Buthes Malerei beschreiben. Dokumentiert sind Werke aus zwanzig Jahren intensiver Arbeit am Bild. Buthe hat grundsätzlich mit voller Kraft gemalt. Es ist eine Wonne zusehen, wie ein Vollblutmaler seine Phantasie über Farben und Materiilien Höchstleistungen abzuringen versteht. Buthe ist einer dieser letzten Dinosaurier, die uns von der Notwendigkeit der Malerei, der Kunst überzeugen.

Werner Krüger

 

 

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